Die großen Technologieunternehmen dieser Welt preisen Touch ja als die Zukunft des User Interface Design.
A screen without touch is a broken screen in a few years. - Jensen Harris (Director of Program Management User Experience, Microsoft), 2011
Die aktuellen Verkaufszahlen von Tablets und Smartphones sowie die Prognosen der Analysten geben ihnen dabei recht. Beispielsweise erwartet Gartner in 2013 einen Anstieg der Tablet-Verkäufe um 69,8 % und geht davon aus, dass in 2016 mehr Tablets als PCs abgesetzt werden.
Bis vor einiger Zeit wurden diese Geräte mehrheitlich im privaten Bereich genutzt. Im April veröffentlichte die BITKOM dann eine Studie (n=854) nach der bereits 34% der Unternehmen in Deutschland Tablets einsetzen. Die Interaktion mittels Fingern kommt also so langsam auch in den deutschen Unternehmen an.
Damit war es nun für mich an der Zeit die Bedienung mittels Touch im beruflichen Alltag auszuprobieren. Ich habe also kurzer Hand mein geliebtes Arbeitsgerät, ein klassischer kleiner Businesslaptop, durch einen Windows 8 All-In-One PC mit einem 27" Touchmonitor namens Lenovo Ideacentre ersetzt. (Schön, wenn man einen innovativen Arbeitgeber wie die DATEV hat, der so etwas mitmacht :-)

Quelle: Lenovo
Ich hatte mir vorgenommen von dem Tag an, ab dem dieser schicke Rechner meinen Arbeitsplatz schmückt, nur noch mit Finger und Tastatur zu arbeiten. Ich wollte sehen, ob sich bei dieser Arbeitsweise körperliche Probleme bemerkbar machen und ob ich mit Touch genauso produktiv arbeiten kann wie mit der Maus - so die Idee.
Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass mir dann schon ein wenig mulmig zu Mute war, als das schicke Lenovo Ideacentre auf meinem Arbeitsplatz stand. Immerhin durften die geschäftlichen Aufgaben durch mein Experiment nicht behindert werden. Zu diesen gehören neben Führungs- und Kommunikationsaufgaben auch gestalterische sowie konzeptionelle Tätigkeiten.
Aber mal zu den Ergebnissen im Detail:
Das Körperliche
Ich konnte bis heute keine wesentlichen körperlichen Beeinträchtigungen feststellen, was aber auch daran liegt, dass sich das Ideacentre so auf dem Arbeitsplatz positionieren lässt, dass man bequem den Ellenbogen auflegen kann bzw. sich am Rand des Screens festhalten kann. Die Interaktion ist dann ähnlich bequem, wie mit der Maus bei der der Unterarm auf dem Tisch aufliegt.

Bei der Oberflächengestaltung von Touch UIs sollten meiner Erfahrung nach zwei neue Körperhaltungen betrachtet werden: die "Hand hält sich am Rand fest und navigiert"- und die "Stützt den Ellenbogen auf und zeichnet bzw. navigiert"-Haltung. Diese führen zu einer Verschiebung der wichtigen Interaktions-Hotspots auf der Bedienoberfläche.
Auch die Außentemperatur spielt in Abhängigkeit vom Hauttyp bei der Interaktion mit den Fingern eine Rolle: je wärmer, umso öfter feuchte Hände, umso schneller bekommt das Display Schmierstreifen und umso schneller wird die Sicht leicht eingetrübt. Hier hilft dann nur eine Packung günstiges Microfasertuch aus der Drogerie.
Interaktion mit Businessanwendungen im Legacy-Teil von Windows 8
Um Touch richtig nutzen zu können, habe ich das Ideacentre natürlich mit Windows 8 verwendet. Leider ist es aktuell immer noch so, dass nahezu alle klassischen Businessanwendungen nur im Legacy-Teil von Windows 8 verfügbar sind und nur in geringem Maße auf Touch ausgerichtet sind. In der Praxis stolpert man dann über Probleme wie:
- Das Markieren von Text geht nur unvollständig bzw. wortweise oder gar nicht.
- Das Vergrößern und Verkleinern von Fenstern ist schwierig, da die aktive Fläche am Fensterrahmen für meine Finger zu klein ist.
- Drag & Drop ist auf einer großen Touchinteraktionsfläche nicht wirklich sinnvoll nutzbar, weil sowohl Finger als auch Stift bei schneller Bewegung vom Display stellenweise nicht erkannt werden. Das kann dann schon mal dazu führen, dass man Dateien im falschen Ordner fallen lässt oder dass die Win8-Geste zum Schliessen von Anwendungen mehrfach nicht erkannt wird. Verschlimmert wird diese Situation dann dadurch, dass man das mausoptimierte Systemfeedback (veränderter Mauszeiger) mit dem Finger verdeckt und dann nicht erkennen kann, ob man das Objekt gerade am Finger hat oder nicht.
- Einige Anwendungen verwenden zur Anzeige von Informationen scrollbare Fensterbereiche in denen verschiebbare Objekte angezeigt werden (z.B. Outlook). Mit der Maus ist das unproblematisch, da der Klick auf dem Objekt zum Verschieben und das Scrollrad der Maus zum Scrollen verwendet wird. Da mein Finger weder klickt noch ein Scrollrad hat, kann ich diese Anwendungen nur sehr schwer mit dem Finger bedienen
- Bedienelemente, bei denen das Mouseover-Event einen wesentlichen Anteil des Verhaltens ausmacht, sind einfach nicht bedienbar. Beispielsweise sind die im Web beliebten Menüs, die sich auf Mouseover öffnen und man dann mit dem Mauszeiger innerhalb des aufgeklappten Menüs einen Unterpunkt auswählt mit dem Finger nicht nutzbar.
- Der Metro-Teil von Windows 8 ist für kleine Touchscreens gemacht. Auf großen Bildschirmen werden die Schriften so groß, dass sie bei einem normalen Auge-Monitor-Abstand von 50-80 cm schlecht lesbar sind.
Zu meinen Interaktionserfahrungen ist noch anzumerken, dass das Verhältnis von Displaygröße und Auflösung bei meinem Testgerät sehr gut gewählt ist und dadurch im Legacy-Teil von Windows 8 Schriften sowie Abstände "touch-freundlich" dargestellt werden.
Zusammenspiel zwischen Finger und Tastatur
Finger und Tastatur ergänzen sich grundsätzlich prima. Da der Weg mit dem Finger von der Tastatur zum Bedienelement gefühlt zwar kürzer, aber auch etwas anstrengender ist, als der Weg mit der Hand von der Tastatur zur Maus und dann mit der Maus zum Bedienelement, bekommt die Tastatursteuerung eine höhere Bedeutung.
Meine gefühlte Toleranz gegenüber Eingabefehlern ist bei der Eingabe mittels Finger deutlich geringer als mit der Maus - heißt: was nicht gleich mit dem Finger bedienbar ist nervt schneller als bei der Maus. Das bedeutet, dass man sich bei der Oberflächengestaltung intensiv um Tastenkürzeln, Tab-Verkettungen und eine sinnvolle Steuerung des Fokus auf den Bedienelementen kümmern muss.
Reaktionszeit und Systemfeedback
Reaktionszeit und Systemfeedback bekommen bei Touchinteraktionen eine deutlich höhere Bedeutung. Dies ist vor allem dann besonders wichtig, wenn man auf Systemen arbeitet, die nicht zu 100% touchfähig sind. Ist die Reaktionsszeit zu lang, kommt Unsicherheit auf, ob das Gerät meine Toucheingabe nicht erkannt hat, ich daneben "getoucht" habe oder die Software mit meinem "Touch" nichts anfangen kann. In der Regel ist das Ergebnis das Gleiche: man "toucht" mehrfach auf das Bedienelement.
Fazit
Ich glaube auch, dass die Bedienung mittels Finger und Stift eine richtig große Sache ist bzw. wird. Allerdings sind die meisten Anwendungen noch nicht wirklich gut auf diese Form der Interaktion ausgerichtet. Im Großen und Ganzen kann man die meisten Anwendungen erstaunlich gut mit dem Finger bedienen. Die zahlreichen kleinen Unwägbarkeiten des Betriebssystems und der Anwendungen führten jedoch dazu, dass ich relativ schnell immer wieder zur Maus gegriffen habe. Nicht etwa weil Touch körperlich zu anstrengend war, sondern weil die die Anwendung meine Fingereingaben entweder komplett ignoriert hat bzw. ich mit dem Finger einige Eingaben mehrfach wiederholen bzw. korrigieren musste, bis sie richtig waren.
Außerdem fehlt meinem Lenovo Ideacentre die entscheidende Fähigkeit präzise auf Stifteingaben zu reagieren. Ich habe drei unterschiedliche Stifte probiert (Wacom Bamboo, Adonit Jot Pro und einen billigen iPad-Stift). Das Display ist aber dafür einfach nicht ausgelegt. Es ist nicht möglich saubere Linien zu zeichnen. Die Kombination von Finger, Stift und Tastatur ist aber genau die, die ein sinnvolles Arbeiten im Businessbereich ermöglicht. Diese vereint das Beste aus digitaler und analoger Welt. Für mich fühlte sich die Interaktion mittels Finger und Stift trotz der Einschränkungen so an, als ob ich damit deutlich freier und kreativer arbeiten kann, als mit der Maus. Schade nur, dass das noch nicht alle Hardwarehersteller erkannt haben.
Anders als angenommen, hält sich die körperliche Belastung bei der Bedienung mittels Finger bei geeigneter Anordnung von Tastatur und Bildschirm sehr in Grenzen. Einzig der gefühlt längere und etwas kraftintensivere Weg von der Tastatur zum Bedienelement macht einen spürbaren Unterschied.
Wenn wir es also schaffen Stift und Finger sinnvoll zu kombinieren, die neuen Körperhaltungen bei der Gestaltung zu berücksichtigen, unsere Anwendungen durchgängig auf Fingereingaben reagieren und vollständig per Tastatur bedienbar sind, steht einem kreativeren digitalen Arbeiten auch im Businessbereich nichts im Weg.
Siehe auch
Im Video "How Google fixed its design process and started making beautiful apps" berichtet TheVerge darüber, wie Google seinen Designprozess organisiert und verändert hat, um auch ohne zentrale Leitfigur für Design konsistente und schöne Apps zu entwickeln.
Unter anderem kommt auch Matias Duarte (Director UX Android bei Google) zu Wort, dessen Definition von Design ich Euch nicht vorenthalten möchte:
Design is not just about making things more useful, it is not just about making things more beautiful. It is about really figuring out what is the right thing to make and how to make it right.Design is practical imagination. Imagining possibilities and making them real.
Da hat man sich die Mühe gemacht eine User Centered Design (UCD)-Studie (Usability Test, Befragung, Fokusgruppe, ...) zu organisieren, die Stichprobe sauber auszuwählen, entsprechende Anwender zu rekrutieren und zu befragen, die Daten auszuwerten und zu interpretieren ... und dann das: Die Ergebnisse treffen nicht die Erwartungshaltung bzw. die Selbsteinschätzung der Produktverantwortlichen. Die befragten Anwender bewerten das Produkt deutlich anders als die Produktverantwortlichen.
Nun könnte man es sich als Produktverantwortliche/r einfach machen und die Misere zum Leidwesen der User Experience Professionals einfach als "nicht repräsentativ" einstufen und abtun.
Aber ist es eigentlich aus fachlicher Sicht möglich Ergebnisse aus UCD-Studien mit dem Argument "nicht repräsentativ" wegzudiskutieren?
Der Begriff der "Repräsentativität" ist kein stabiler Fachbegriff. Er wird im normalen Sprachgebrauch mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Er ist so eine Art "Nebelbombe" der Marktforschung. Umgangssprachlich bedeutet er in der Regel, dass sich die Erkenntnisse einer Stichprobe unverändert auf die gesamte Zielgruppe übertragen lassen. Das ist aber nur bei Vollerhebungen oder sehr großen Stichproben möglich, die einen sehr sehr großen Teil der gesamten Zielgruppe abdecken. Bei kleine Stichproben ist es sehr unwahrscheinlich, dass eine Stichprobe sämtliche Merkmale der gesamten Zielgruppe repräsentieren kann.
Bei qualitativen User Centered Design Studien werden aus Kosten- und Zeitgründen kleinere Stichproben befragt oder beobachtet. Damit liegt auf der Hand, dass Erkenntnisse aus UCD-Studien nicht repräsentativ sein können.
Als Produktverantwortliche/r sollte man von vornherein davon ausgehen, dass die Erkenntnisse aus UCD-Studien nicht "repräsentativ" sein können. Sie stellen eine fundierte Bewertung oder Einschätzung aus Anwendersicht dar. Je besser dabei die Merkmale der Zielgruppe in die Rekrutierung der Stichprobe eingeflossen sind, umso fundierter wird die Bewertung oder Einschätzung. Man sollte sich daher die Zusammensetzung der Zielgruppe genau erklären lassen und dies in die eigene Interpretation einfließen lassen.
Als UX Professional tuen wir gut daran, nicht zu versuchen die Ergebnisse einer UCD-Studie als "repräsentativ" zu verkaufen. Es sei denn, die Studienergebnisse basieren auf einer Vollerhebung oder sehr großen Stichprobe. Vielmehr müssen wir darauf achten, dass die Stichprobe annähernd "repräsentativ" - im umgangssprachlichen Sinne - ausgewählt wird. Dies ist die Grundlage dafür, dass die Stichprobe die Zielgruppe möglichst realistisch abbildet - also alle wesentlichen Merkmale der Zielgruppe soweit wie möglich abgedeckt sind. Den Umstand der annähernden "Repräsentativität" der Stichprobe, müssen wir dann bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigen.
Die annähernde "Repräsentativität" der Ergebnisse schmälert aber auf keinen Fall die Sinnhaftigkeit von UCD-Studien. Zahlreiche Studien (u.a. von Nielsen) haben ja belegt, dass kleine Stichproben geeignet sind, um einen Großteil der Bedürfnisse und Usability-Probleme einer Zielgruppe zu entdecken. Bei User Centered Design (UCD)-Studien (Usability Test, Befragung, Fokusgruppe, ...) geht es darum, mit einem guten Verhältnis zwischen Zeitdauer, Kosten und Nutzen eine solide Entscheidungsgrundlage, Ideensammlung oder Bewertung aus Anwendersicht zu bekommen. Die gewonnen Erkenntnisse müssen dann immer noch aus Unternehmenssicht interpretiert werden, um Maßnahmen ableiten zu können.
Fazit: Wenn wir als UX Professionals unsere Arbeit richtig machen und qualitative UCD-Studien mit kleineren Stichproben nicht als repräsentativ verkaufen, ist es aus fachlicher Sicht nicht möglich Ergebnisse aus diesen Studien mit dem Argument "nicht-repräsentativ" wegzudiskutieren. Um die Ergebnisse aus qualitativen UCD-Studien zu erhärten, können auch quantitativen UCD-Methoden, wie z.B. Online-Befragungen, ergänzend eingesetzt werden.
In diesem Video gibt Dr. Eric Schaffer (HFI) User Experience Tipps für die Geschäftsleitung von Unternehmen. Auch wenn es Werbung für die Dienstleistungen von Human Factors International ist, ist das Video sehr sehenswert:
Siehe auch
Nachdem ich in letzter Zeit mehrere Anfragen zu berufsbegleitenden Weiterbildungs-Programmen für angehende User Experience und Usability Spezialisten in Deutschland hatte, stell ich mal die Liste der Anbieter online:
- Artop: Usability Consultant (Mehr Infos) - Über die Ausbildung bei Artop habe ich von mehreren Teilnehmern ausschließlich sehr positive Bewertungen gehört.
- Fraunhofer Fit: Zertifizierter Usability Engineer, Spezialist für User Requirements Engineering, Spezialist für Interaktions- und Informationsdesign, Spezialist für Usability Testing (Mehr Infos)
- IBUQ: IBUQ Usability Engineering Professional (Mehr Infos)
- Usability Academy: Usability Experte (Mehr Infos)
- Georg Simon Ohm Hochschule Nürnberg: Zertifikatsstudiengang Usability Engineering (Mehr Infos)
- Hochschule Rhein-Waal: Usability Engineering, M. SC. (Mehr Infos)
- HDU Deggendorf: Usability Engineer (Mehr Infos) - Über die Ausbildung an der HDU habe ich von Teilnehmern positive bis sehr positive Bewertungen gehört.
Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Falls ich einen Anbieter übersehen habe, bitte melden.
Das hier möchte ich Euch nicht vorenthalten: Ein sehr sehenswertes Video in dem zahlreiche UX Fachkollegen/-innen ihre Gedanken über die Verantwortung von UX Designern/-innen, die Herausforderungen und Möglichkeiten der digitalen vernetzten Welt, Designtrends, dem Internet der Dinge, Datenvisualierung und darüber, wie Design die Welt ein wenig besser machen kann, zum Besten geben.
The 18 minute "Connecting" documentary is an exploration of the future of Interaction Design and User Experience from some of the industry's thought leaders. As the role of software is catapulting forward, Interaction Design is seen to be not only increasing in importance dramatically, but also expected to play a leading role in shaping the coming "Internet of things." Ultimately, when the digital and physical worlds become one, humans along with technology are potentially on the path to becoming a "super organism" capable of influencing and enabling a broad spectrum of new behaviors in the world.
Die BUILD ist vorbei und ich fliege mit vielen interessanten Eindrücken und Inspirationen zurück nach Deutschland. Die Wichtigsten will ich hier kurz zusammenfassen. Natürlich schaue ich dabei weniger aus Entwicklersicht sondern mehr aus gestalterischer bzw. geschäftlicher Sicht auf die seitens Microsoft getroffenen Aussagen und vorgestellten Themen.

Ausbau des Ökosystems im Vordergrund
Im Grunde gab es neben einigen kleineren Neuerungen, wie z.B. den schönen Microsoft Surface, keine großen Innovationen. Auf der einen Seite ist es ja beruhigend, dass es bei Microsoft keine großen Veränderungen gibt und sie sich in etwas ruhigeres Fahrwasser begeben. Es war die letzten Monate doch etwas turbulent. Auf der anderen Seite ist es auch etwas beunruhigend, dass keine Innovationen in Aussicht gestellt wurden. Microsoft scheint sich jetzt erst mal auf den Ausbau seines Ökosystems zu konzentrieren.
Vor allem das Sorgenkind Windows Phone soll nun mit mehr Marketing im Markt platziert werden und somit gemeinsam mit Windows 8 einen größeren Marktanteil erreichen. Wie sich das anfühlt, konnte ich bereits im Microsoft Store in Seattle erleben. Ein schicker Laden in direkter Nähe zum Marktbegleiter Apple. Sowohl der Apple Store als auch der Microsoft Store waren sehr gut besucht. Die Konzepte beider Stores ähneln sich sehr. Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Stores ist aus meiner Sicht der, dass es im Microsoft Store mehr unterschiedliche Geräte gibt.

Microsoft setzt auf gute Gestaltung
Das Thema "Design" war in den Vorträgen zwar nicht so omnipräsent wie im letzten Jahr. Allerdings zeugen die gezeigten Entwicklertools und auch die neuen Stores davon, dass das Thema Design nun bei Microsoft bis in den letzten Winkel vorgedrungen zu sein scheint. In diesem Jahr wurde das allgemeine "Awesome" in den Vorträgen durch die Formulierung "The beauty of …" ersetzt. Der seit den letzten Jahren erkennbare Wandel von Microsoft von einem technikorientierten Unternehmen hin zu einem erlebnisorientierten bzw. designgetriebenen setzt sich also weiter fort.
Im Detail fand ich es schon erstaunlich zu sehen, wie schön Werkzeuge für Entwickler aussehen und funktionieren können. Das hat natürlich durch die Vorbildfunktion der Entwicklerwerkzeuge auch einen Einfluss auf die visuelle und interaktive Gestaltung der Anwendungen, die mit diesen Werkzeugen entwickelt werden.
Hinsichtlich der Konferenzthemen hatte das Thema "Gestaltung" einen relativ geringen Anteil. Nachdem sich die Vorgängerkonferenz MIX sowie die letztjährige BUILD sowohl an Designer als auch an Manager und Entwickler gerichtet hatte, war diese BUILD in erster Linie eine Entwicklerkonferenz mit relativ wenigen Vorträgen zu Design. Meiner Einschätzung nach wurde der Weiterbildungsbedarf seitens der Entwickler, die mit Microsoft Werkzeugen arbeiten, von den Konferenzorganisatoren etwas unterschätzt, was auch die guten Auslastung der Designvorträge zeigte. Aus der internen Sicht von Microsoft scheint das Thema Design gesetzt und gefestigt. Meiner Ansicht nach ist es das in der Microsoft Entwicklergemeinde aber noch lange nicht durchgängig.
Metro Style für Business-Anwendungen
Es gab einige Sessions bei denen in der Fragerunde die Skepsis der Entwickler hinsichtlich der Anwendbarkeit des Metro Style bei Business-Apps sehr deutlich zum Vorschein kam. Mir ist diese Skepsis seit der Veröffentlichung des Metro Styles schon öfter begegnet. So richtig nachvollziehen kann ich sie nicht, da aus meiner Sicht Metro Style auch für Business Apps der richtige Schritt ist. Daher fand ich es sehr gut, dass Microsoft anhand ihrer eigenen Softwareprodukte und von Apps anderer Unternehmen gezeigt hat, dass es sehr wohl möglich und sinnvoll ist, die Designsprache Metro für Business-Anwendungen zu verwenden. Darüberhinaus schien es im Gegensatz zum letzten Jahr das Ziel von Microsoft zu sein, die Entwickler von Business-Apps geradezu davon überzeugen zu wollen, ihre klassischen Desktop-Anwendungen durch schicke Metro Style oder Windows Store-Apps für bestimmte Anwendungsfälle erst zu ergänzen und schließlich zu ersetzen.
Aus Touch First werden vier Eingabetechnologien
Microsoft fokussierte hinsichtlich der Eingabetechnologien in diesem Jahr auf Gesten, Touch, Maus und Stift. Der Schwerpunkt für die aktuelle Entwicklung scheint dabei auf Touch- und Stifteingabe zu liegen. Dies zeigt sich auch in den zahlreichen Windows 8-Geräten mit Touch- und Stifteingabe. Die Eingabe über Sprache und Tastatur wurde im Übrigen nur am Rande thematisiert.
We believe the next really big thing is simultaneous touch and stylus. (Jeff Han)
Touch für klassischen Windows-Anwendungen wichtig
Für die Entwickler und Gestalter von klassischen mausorientierten Desktop-Anwendungen ergibt sich daraus auch die größte Herausforderung für die nächsten beiden Jahre. Die Anforderung, dass diese Anwendungen auch mittels Finger zumindest fehlerfrei bedient werden können, wird sich aus meiner Sicht sehr schnell verbreiten. Von daher möglichst bald mit diesem Thema beschäftigen.
Cross-Device Apps
Der große Trend der Cross-Device Apps hat auch natürlich auch Microsofts Ökosystem erfasst. Microsoft nutzt den Cross-Device-Ansatz um seine Anwendungen und Angebot möglichst nahtlos vom Smartphone über Tablet, PC und Server bis hin zur Spielekonsole XBOX zu spannen. Da wundert es auch nicht, das Windows 8 und Windows Phone 8 eine gemeinsame Code-Basis haben und es damit möglich ist Funktionen einmal zu entwickeln und dann auf beiden Betriebssystemen zu verwenden. Mein Eindruck ist allerdings, dass diese Entwicklung zwar mit Nachdruck verfolgt wird, aber sich noch in den Anfängen befindet. Man sollte also nicht zu viel Wiederverwendbarkeit zwischen den unterschiedlichen Geräten des Microsoft Ökosystems erwarten.
HTML5, CSS und Javascript
Microsoft setzt weiterhin auf die Oberflächenentwicklung mit HTML5, CSS und Javascript, um die Cross-Device- und Cross-Plattformfähigkeit von Anwendungen zu unterstützen. Dazu erweitert Microsoft seine Entwicklungswerkzeuge, z.B. um TypeScript, um die Komfortmängel bei JavaScript zu umgehen. Am Rande wurde in diesem Zusammenhang übrigens eine clientseitige Implementierung von Anwendungen empfohlen, um die zahlreichen Formfaktoren und Geräte besser adressieren zu können. (Interessant für alle die, die gerade vor der Entscheidung serverseitiger vs. clientseitiger Implementierung stehen. ;-)
Built-in Analytics
Microsoft setzt bei den Windows Store Apps - wie bereits im letzten Jahr angekündigt - auf Analytics. Der Hintergedanke ist klar und der Gleiche wie bei Google: Je mehr Daten über die tatsächliche Nutzung einer App vorliegen, umso einfacher fällt es den Produktmanagern die richtigen Entscheidungen hinsichtlich einer erfolgsmaximierenden Gestaltung zu treffen.
Microsoft Surface RT

Microsoft hat mit Windows 8 auch das neue Surface-Tablet veröffentlicht. Das Konzept und die Verarbeitung des Gerätes sind großartig. Nach einer Woche Intensivnutzung möchte ich es nicht mehr missen. Der eingebaute Ständer und das Touch-Cover erfreut den tablet-affinen Nutzer. Ein tolles Gerät zum Surfen, Schreiben, Spielen, Unterhalten, Kommunizieren und Bloggen. Die Akkulaufzeit ist so gut, dass nach einem intensiven Bloggertag ca. 60% Akkukapazität übrigbleiben. Zu den Einschränkungen:
- Es ist ungefähr so schwer wie das iPad und könnte damit etwas leichter sein.
- Windows RT ist verwirrend. Es fühlt sich so an wie das richtige Windows 8 Pro. Allerdings gehen die meisten klassischen Desktop-Anwendungen nicht und es sind nicht alle Apps aus dem Windows Store verfügbar.
- Die Bilder der eingebauten Kameras reichen für Kommunikation und Notizen. Fotos in hoher Qualität liefern sie aber nicht.
- Es fehlt die Unterstützung für Stifteingabe. Hier nehme ich mal an, dass es eine ähnliche Lösung durch Dritte geben wird, wie beim iPad.
Wer Skizzen machen will oder klassische Win-Apps - z.B. Google Chrome- verwenden möchte, sollte auf die Pro-Version des Surface warten. Ansonsten ist das Microsoft Surface sehr empfehlenswert.
Viele neue Geräte in unterschiedlichen Formen und mit Touch
Die zahlreichen neuen Geräte, die mit Windows 8 veröffentlicht werden sollten, sind tatsächlich auf dem Markt. Besonders angetan haben es mir die Geräte, die - wie das Lenovo IdeaCenter A720 - den Desktop PC-Anwender von seiner starren Arbeitsposition befreien und die Tischfläche zum Teil des interaktiven Erlebnisses machen.
Mein Fazit zur Konferenz an sich
So inspirierend die Konferenz auch wieder war: Der Microsoft Campus ist nicht für Veranstaltungen in dieser Größe ausgelegt. Das Hauptmerkmal dieser Konferenz war "Schlange stehen". Egal ob Registrierung, Shuttle, Essen oder Sessions - für fast alles musste man sich länger anstellen. Leider war das dann teilweise umsonst, da man aufgrund der Teilnehmeranzahl in beliebte Sessions einfach nicht mehr reinkam. Aber gut. Es war trotzdem nett, dass ich mir mal den Microsoft Campus anschauen konnte.

Große Kritikpunkte der Veranstaltung waren die Verpflegung und die Zeltwirtschaft. Hier hat sich nicht nur die amerikanische Küche von ihrer schlechtesten Seite gezeigt. Durch den Dauerregen und die Zeltwirtschaft kam ich mir zwischendrin vor wie beim Camping. Die Klamotten waren klamm und die Schuhe nass.


Nebenbei hat die Gerüchteküche übrigens verlauten lassen, dass die BUILD jetzt jedes Jahr stattfindet … dann hoffentlich nicht mehr in Redmond sondern in Las Vegas oder einem anderen Ort, der für derartige Menschenmassen ausgelegt ist.
Zum Schluss
Die Videos der einzelnen Sessions findet ihr übrigens auf Channel 9.
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